
50 Jahre Erdbeben in Friaul – Erinnerungen an die Katastrophe unserer Nachbarn
Villach / Friaul.
Am 6. Mai 1976 erschüttert ein schweres Erdbeben die Region Friaul in Norditalien – ein Ereignis, das sich tief in das kollektive Gedächtnis des gesamten Alpen-Adria-Raums eingebrannt hat. Innerhalb von nur 56 Sekunden wird aus einer idyllischen Landschaft ein Trümmerfeld. Besonders betroffen ist die Stadt Gemona del Friuli, heute ein beliebter Tourismusort – damals jedoch Schauplatz einer der größten Katastrophen der jüngeren Geschichte der Region.
Die Bilanz ist erschütternd: 989 Menschen verlieren ihr Leben, 2.607 werden verletzt, rund 100.000 stehen plötzlich vor dem Nichts. Häuser stürzen ein, Straßen und Versorgungsleitungen werden zerstört. Chaos, Angst und Verzweiflung prägen die ersten Stunden nach dem Beben.
„Nach dem Erdbeben war die Lage in Friaul sehr dramatisch“, erinnert sich Flavia Virilli, Vizebürgermeisterin von Gemona. „Viele Menschen waren verletzt, obdachlos oder standen unter Schock. In diesen Momenten zählte vor allem eines: Überleben und gegenseitige Hilfe.“
Auch aus Kärnten kommt rasch Unterstützung. Der damalige Landeshauptmann Leopold Wagner bietet umgehend Hilfe an. „Das Land Kärnten hat sofort reagiert und der betroffenen italienischen Nachbarregion Unterstützung zugesichert“, berichtet Hellwig Valentin, damaliger Leiter des Landespressedienstes.






Zu den ersten Helfern und Beobachtern vor Ort zählt der junge Pressefotograf Gert Eggenberger. „Es war sehr verstörend. Die Menschen irrten umher, suchten ihre Habseligkeiten – ich habe fotografiert, aber als stiller Beobachter“, schildert er die Eindrücke jener Tage.
Die Einsatzkräfte stehen vor enormen Herausforderungen. „Überall nur Schuttmassen – der erste Eindruck war erdrückend. Aber man musste funktionieren und helfen“, so Erich Stocker von der Berufsfeuerwehr Klagenfurt, der als Zeitzeuge im Einsatz war.
Neben Wohnhäusern werden auch zahlreiche Kulturdenkmäler schwer beschädigt oder vollständig zerstört. Besonders betroffen sind Kirchen und historische Bauwerke, darunter die bedeutende Kirche von Venzone. Der Wiederaufbau gilt bis heute als außergewöhnliche Leistung: Stein für Stein wird geborgen und originalgetreu wieder errichtet. „Wenn man sieht, wie Venzone wieder aufgebaut wurde, ist das wirklich phänomenal“, betont Stocker.
Auch der Dom von Gemona sowie der zerstörte Glockenturm werden rekonstruiert. Die heute noch leicht geneigten Säulen erinnern sichtbar an die Gewalt des Bebens. Andere Orte hingegen verschwinden für immer von der Landkarte – wie etwa das Dorf Portis bei Venzone, das heute verlassen ist und als stilles Mahnmal dient.
Wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen zudem, dass die Schäden stark vom Untergrund abhingen. „Gebäude auf lockerem Material wie Schotter oder Schwemmkegeln waren deutlich stärker betroffen als jene auf festem Gestein, da sich dort die Schwingungen verstärken“, erklärt eine Expertin des Geoparks Dellach/Gail.
Das Erdbeben von Friaul bleibt ein prägendes Ereignis – nicht nur wegen der Zerstörung, sondern auch wegen der grenzüberschreitenden Solidarität, die darauf folgte.
Im zweiten Teil unserer Kurzdokumentation berichten wir über die spontane und umfassende Hilfe aus Kärnten – ein beeindruckendes Beispiel gelebter Nachbarschaft.
Quelle: kaernten.tv
Fotos (c): Gert Eggenberger
Redaktion: Alfred Santner – creativomedia.gmbh



